Folgender Artikel ist in Auszügen der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen unserer Kirche entnommen.

BAU DER KIRCHE

„Diese Kirche muß in jeder Hinsicht ehrlich sein, Stein bleibt Stein, Holz bleibt Holz, Eisen bleibt Eisen" Otto Bartning, Heilbronn 1948

Ehrlichkeit verkörpert diese Kirche! Unverfälscht nach 50 Jahren präsentiert sich der schmucklose Ziegelbau. Überragt vom nahen „Wirtschaftstempel" eines Versicherungskonzerns und tangiert vom tosenden Verkehr einer Bundesstraße, zeigt er sich unauffällig stillen Betrachtern wie Gottesdienstbesuchern. Bescheidenheit tritt hinzu. Anderes: Superlative, Monumentalität oder künstlerisches Kleinod wird man vergeblich suchen. Und doch oder deshalb (?) beeindruckt dieses Gotteshaus. „Kirchlein" mehr als Kirche gewinnt es Charme durch das Bekenntnis zum Notwendigsten, macht aus der Not in der Zeit des Erbauens eine Tugend, die Zeiten überdauert hat: Not- oder Notzeitkirche eben, errichtet in der Zeit der Trümmer, der Knappheit und der Demut. Das war gewollt. Prof. Dr. Otto Bartning (1883 bis 1959), berühmter Kirchenbauer der Weimarer- und frühen Nachkriegszeit (u.a. wirkte er mit beim Bau der Dortmunder Nicolaikirche) war 1946 beauftragt worden vom Leiter des Hilfswerks der Ev. Kirchen in Deutschland Dr. Eugen Gerstenmeier (dem späteren Bundestagspräsidenten) zum Entwurf einer Notkirche (zunächst wurde dieser Begriff, später auch die Bezeichnung Notzeitkirche benutzt). Obwohl die Not Pate stand, hat sich Bartning nicht allein von ihr seinen Plan diktieren lassen. „Manifestation der Reue" (Dieter Baretzko in der FAZ) sollte seine Notkirche versinnbildlichen. Nach Holocaust und politischem Größenwahn wahrhaft zeitgemäßes Symbol der Läuterung und Demut. Schlicht und doch nicht gänzlich frei von Pathos präsentiert sich das Backsteingebäude mit seinen schmalen, schmucklosen Fensterbändern. Ein schmaler Eingang - Pforte eher als Portal - bietet Einlass. Nicht mehr! Im - je nach Tageszeit und Witterungsbedingungen - mehr schummrig-heimeligen als lichtem Innern stellt sich alsbald Geborgenheit ein. Täuscht der Eindruck, oder riecht es noch immer hier nach Holz, diesem dominieren¬den, gewachsenen Baustoff? Aus Holz fügt sich - Höhe gewinnend - das Dach. Ob es, an ein Zelt erinnernd, im Betrachter die Metapher der Wüstenwanderung Israels aus Ägypten (Baretzko) wecken will? Umgekehrtem Schiffsrumpf gleich ist der Chorraum ausgebildet. Seine um drei Stufen erhöhte Fläche wird durch niedrige Mauern begrenzt, in die linker Hand die Kanzel aus Klinkerriemchen aufgenommen ist. Zugleich ist, schon der beengten Räumlichkeit halber, jegliche Distanz zum Versammlungs- und Gebetsraum der Gemeinde fern. Hölzerne Bänke dort - in knappem Abstand positioniert - geben auch die Zuversicht der Erbauer preis, dass viele Gläubige hier einmal Gottes Wort hören können sollten und würden. Rohbau

Holz bleibt Holz! In Serie gefertigte Binder fügen sich im dem Chor entgegengesetzten Teil der Kirche zur Empore. Diese trägt die mit fünfzehn Registern und zunächst sieben Pfeifen bestückte Orgel, errichtet von der Orgelbauanstalt G. Steinmann in Vlotho-Wehrendorf. Zur Einweihung hatte sie noch gefehlt. Denn der am 21. Dezember 1949 ins Leben gerufene Orgelbaufonds war mit dem Einsammeln der benötigten Mittel nicht rechtzeitig nachgekommen. Erst am Buß- und Bettag des Jahres 1951 konnte die Orgel der Gemeinde übergeben werden, und schon einen Monat darauf sind die noch fehlenden Pfeifen bestellt worden. Später ist noch zweimal je ein weiteres Register angefügt wurden. So ist ein eindrucksvolles Instrument entstanden, das sich - im akustisch durch die Fülle des Holzes eher gedämpften Raum - wohlklingend durchzusetzen vermag. Doch die Empore trägt mehr. Bedarfsweise steht hier Platz für Instrumentalisten bereit. Oder für den Chor, den es - anfänglich „Singkreis" genannt - seit 1946 gibt. Und sollte das Kirchenschiff sich einmal mit mehr als 400 Menschen füllen, dann ist hier nochmals Raum für weitere Gottesdienstbesucher.

Stein bleibt Stein. Die regelmäßig verlaufenden Binderkonstruktionen werden von außen und innen durch Sichtmauerwerk aus Ziegelstein umschlossen. Vorgesehen waren nach den Plänen Bartnings Trümmersteine oder Naturstein - ganz nach den örtlichen Gegebenheiten. In Zeiten der Ruinengrundstücke und knappen Ressourcen boten erstere sich als wohlfeiler Baustoff an. Der Nachteil: dieses Material musste zuerst gesammelt werden, um es anschließend mühsam von alten Mörtelresten zu befreien - Aufgabe der unvergessenen „Trümmerfrauen". Die Ver¬wendung dieser Steine, häufig auch eine bunte Mischung aus alt und neu, kennzeichnet denn auch manche der Notkirchen, von denen einige Gebäude sogar eingefügt wurden in die Reste zerstörter Gotteshäuser. Paul-Gerhardt dagegen zeigt selbstbewusst Sichtmauerwerk aus neuem Ziegel - trotz sich hartnäckig haltender gegenteiliger Gerüchte. Die dadurch bedingte Mehrausgabe kam vermutlich zustande, weil sich in der „dunklen Jahreszeit", als die Ummauerung der Binderkonstruktion anstand, nicht genügend Freiwillige für die zeitintensive Arbeit des Sammelns, Verbringens und Abklopfens von Trümmersteinen finden ließen. Wie dem auch sei, nachfolgenden Generationen hat die Entscheidung des Presbyteriums für neues Material vermutlich Reparaturkosten erspart und wohl auch ein ansehnlicheres Äußeres beschert.

Und Eisen? Sein Einsatz findet sich eher im Verborgenen. Stählerne Zuganker, dem Gefüge der Balken Halt gebend und mit ihrem Fundament verzahnend, überdeckt ein Bodenbelag aus „Steinholz", einem preiswerten aber vorzüglich wärmedämmendem Werkstoff aus Magnesitbinder und Sägemehl oder Korkschrot. Sichtbar ist Eisen, dieser künstlichste und teuerste der hier verwandten Baustoffe, nur an wenigen Stellen. So tragen stählerne Querträger, gestützt wiederum auf hölzerne Ständer, die Empore. Draußen, einige Meter vom Kirchenbau entfernt, steht der Turm, 1959 als vorletztes gemeindliches Bauwerk (abschließend folgte 1962 das Pfarrhaus an der Markgrafenstraße/Ecke Hainallee) nach Entwürfen des Architekten Lindner in zeitgenössischer Stahlbetonbauweise errichtet und mit Klinkerverblendung äußerlich angeglichen. Täusche ich mich? - aber architektonisch will er mir nicht recht „passen", trotz seiner beschränkten Abmessungen. Andererseits, auch er ist „ehrlich" darin, neben bescheidenem Format die Tatsache seiner späten Ergänzung nicht zu leugnen. Und - Hand aufs Herz - beeindrucken (wirklich) historische Kirchengebäude nicht häufig erst dadurch, dass sie sichtbar den Reichtum einer langen Baugeschichte widerspiegeln? Auch Bartning hatte einen Turm vorgesehen. Kostenerwägungen dürften die Verantwortlichen dessen Erbauung zunächst zurückgestellt haben lassen. Damit fehlten Paul-Gerhardt auf Jahre auch die Glocken - ein Kreuz dagegen war jahrelang am Kirchenschiff giebelseitig zur Markgrafenstraße hin angebracht - und die Gläubigen mussten sich mit einer „stummen" Kirche bescheiden. Heute wissen wir längst, wo die Glocken hängen - aber wissen wir auch, woher sie kommen? Zwei der insgesamt vier Glocken, während eines Gottesdienstes am Sonntag Rogate, dem 3. Mai 1959, feierlich in Dienst genommen, hatte der Gemeindepfarrer schon 1952 von einem „Glockenfriedhof" „ausgeliehen". Sie stammten aus den ostpommerschen Landgemeinden Großenhagen und Boeck und waren jahrelang als „kriegswichtiges Material" eingelagert worden. Inzwischen hatte niemand mehr Interesse an ihrem Einschmelzen, aber zurück konnten sie wegen Errichtung des „Eisernen Vorhangs" auch nicht mehr. Auf Jahre sollten sie nun im Vorraum der Kirche ausharren - bis endlich der Turm gebaut wurde. Die kleinste der Glocken ist zugleich die älteste. Sie dürfte um 1550 gegossen worden sein. Auf der größeren sind die Namen der Stifter und des Gießers sowie die Jahreszahl 1599 vermerkt worden. Während des Turmbaus wurden noch zwei weitere größere Glocken aus Bronzeguß bei Gebr. Rincker in Sinn/Dillkreis in Auftrag gegeben. Sie tragen als Aufschrift die Texte Matth. 6, 33, bzw. Eph. 2, 14. Die Übergabe von Turm und Glocken an unsere Gemeinde konnte übrigens im Beisein des früheren ostpommerschen Landpfarrers, den es inzwischen nach Bremen verschlagen hatte, erfolgen. Fünfundvierzig - achtundvierzig waren geplant -„Notkirchen" sind zwischen 1948 und 1951 errichtet worden. Von Kiel bis München, von Chemnitz bis Stralsund konnten und können zweiundvierzig dieser ehrlichen Gotteshäuser noch heute den Gläubigen geistliches Zuhause sein. Die letzte Notkirche ist in Wismar entstanden, nahe den ausgeglühten Trümmern der einst stolzen „St. Georgen-Kirche", deren Wiederherstellung erst nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 beginnen konnte und noch längst nicht beendet ist. Bartnings Entwurf und dessen kostengünstige Ausführung überzeugten derart, dass auf die zunächst geplante weitere Errichtung von Baracken als Behelfskirchen verzichtet wurde.

WIE ES ZUM KIRCHENBAU KAM

Muss man Kirchen bauen, wenn es am notdürftigsten Wohnraum fehlt? In der Tat war das Ausmaß der Zerstörung in unserem Gemeindebezirk besonders groß. Zerstört und unbenutzbar war auch die „Mutterkirche" St. Reinoldi, und dies noch auf Jahre. Gleichzeitig stieg infolge von Flucht und Vertreibung aus Ost- und später Mitteldeutschland die Zahl der Gemeindemitglieder. Rasch erwies sich der notdürftige Gemeindesaal in der Plauener Straße 17 als zu klein, auch wenn diese Räumlichkeiten in Ermangelung eines „richtigen" Gemeindehauses noch auf weitere Jahre Ort täglicher Gemeindearbeit bleiben mussten. Die Menschen in den ersten Nachkriegsjahren suchten verlorengegangene oder zerstörte Heimat in Kirchen. Und sie suchten wohl auch neue Nähe zu Gott. Folge erlebter Läuterung und gespürter Mitschuld in der Folge begangenen Unrechts?

Pastor Friedrich Jung, aus Ostpreußen stammend, hatte es nach der Kriegsgefangenschaft in unsere zerstörte Stadt verschlagen. Über 25 Jahre sollte er die Geschicke unserer Gemeinde mitgestalten und prägen. Gemeinsam mit dem ersten Presbyterium, maßgeblich unterstützt durch Kirchmeister Richard Stuhm, hatte Jung schon früh den Bau einer eigenen Kirche - für die es ja keinen Vorgängerbau gegeben hatte - betrieben. Als passendes Grundstück sollte sich altes Kirchenland an der Ruhralle/Ecke Markgrafenstraße erweisen, das von „St. Marien" an die Reinoldi-Gemeinde abgegeben worden war. Damit „blieb" die Kirche zwar „nicht im Dorf", sondern entstand eher in Randlage, doch bot das Grundstück genügend Reserven für die spätere Erweiterung zu einem Gemeindezentrum. Die Entscheidung für Bartnings Notkirche war Gebot der Stunde. Nur diese Kirche schien erschwinglich und in Zeiten der Knappheit verantwortbar. Nach Berechnung des Hilfswerks sollten sich die Kosten für Notkirchen auf durchschnittlich DM 70.000 bis 90.000 belaufen. Das war die Hälfte bis zwei Drittel der damals zu veranschlagenden Kosten für einen Kirchenneubau gleicher Größe. Vorgesehen war eine Aufteilung der Kostenlast. Die Holzserienteile, einschließlich der Türen, Fenster, des Fußbodens und des Gestühls sowie die elektrische Installation stifteten der Weltrat der Kirchen in Genf und die amerikanische Sektion des Lutherischen Weltbundes. Ausschachtarbeiten, Fundament, Ziegelsteine und Arbeitslöhne blieben der Gemeinde überlassen. Neben Eigenarbeit - aufgerufen dazu waren vor allem „Männer und Jünglinge" der Gemeinde - mussten Ideen entwickelt werden, sollte das geplante Unternehmen zu einem guten Ende geführt werden. Presbyter und Bezirksfrauen zogen werbend durch die Gemeinde, um für den Erwerb eines „Bausteins" (mit Urkunde!) möglichst viele Spender zu gewinnen. Nach Ausstellung des Bauscheins durch die örtliche Bauaufsicht am 24. September 1948 und der Zustimmung des Bauausschusses des Gemeindeverbands St. Reinoldi drei Wochen später, konnte mit den Vorarbeiten zum Bau der Kirche unter Leitung von Kirchbaumeister Helmut Dausend begonnen werden. Nach Ausführung der Fundamentarbeiten waren die aus dem Schwarzwald angelieferten Fertigteile binnen Stunden montiert. Als Problem erwies sich allerdings - in Zeiten teurer und obendrein knapper Baustoffe - deren Lagerung. Nachtwachen mussten aufgestellt werden, damit auch zusammenzufügen war, was zusammen gehört. Nach Eindeckung des Daches schließlich konnte am 3. April 1949 Richtfest gefeiert werden. Doch Geldmangel führte immer wieder zu Verzögerungen. Mehrere Monate konnte am Rohbau nicht weitergearbeitet werden. Eine Situation, die manchen mutlos machte. Weitere Eigenmittel der Gemeinde waren nötig, doch woher sollten sie genommen werden? Lange ersehnten Anschub der Arbeiten brachte schließlich eine große Verlosungsaktion. Von Gemeindemitgliedern und ortsansässigen Firmen gestiftete Gegenstände - Textilien, Handarbeiten und Haushaltsgegenstände aller Art - waren verlockend im Schaufenster des Installationsgeschäftes Keßler in der Saarlandstraße ausgestellt worden. Das Los war für eine DM zu erwerben. Überwacht wurde die Aktion durch Presbyter Otto Born. Und sie wurde ein Erfolg! DM 10.000 Reinerlös halfen, die erhoffte Wende einzulei¬ten. Es gelang schließlich, wie Jung berichtet, über Bartning noch zwei weitere Beihilfen vom Hilfswerk zu bekommen. Und endlich stellte auch die Darlehensgenossenschaft der Inneren Mission in Münster den erhofften Kredit von DM 30.000 zur Verfügung. So konnte weitergebaut werden. Rechtzeitig zum Winter 1949/50 schützten endlich Mauern das künftige Gotteshaus. Und langsam rückte die Fertigstellung näher. Wie immer beim Bau ging es nicht ohne Pannen. Als schlechtes Omen wird mancher das Absacken der gerade fertiggestellten Kellermauern gewertet haben. Der Eingangsbereich unserer Kirche mit der dahinter liegenden (heutigen) Sakristei war im Entwurf Bartnings nicht vorgesehen. Irgendwo musste aber die Heizungsanlage installiert werden. Es bot sich an, den erweiterten Eingangsbereich einschließlich sanitärer Einrichtungen zu unterkellern. Noch vor Fertigstellung dieses „Anbaus" sackte das Ganze nach tagelangem Regen ab. Als Ursache stellte sich ein nur mit Muttererde unsachgemäß verfüllter Bombentrichter heraus (ein Befund, der später bei der Errichtung des Turms noch besonderer Vorkehrungen bedurfte). Die mit den Fundament- und Maurerarbeiten betraute Firma Vömel musste die Kellerwände wieder abreißen und nach sachgemäßer Verfüllung des Bodens neue Fundamente setzen und ein zweites Mal aufmauern. Trotz der daraus entstandenen Mehrkosten von DM 3.400 hielten sich die Gesamtbaukosten an den vom Evangelischen Hilfswerk gesteckten Kostenrahmen. Jung, der sorgfältig die Ereignisse der frühen Jahre unserer Gemeinde aufgeschrieben hat, weiß noch von zwei weiteren Pannen zu berichten. Sie sollen dem Leser nicht vorenthalten werden. Die erste ergab sich aus den topographischen Gegebenheiten des Baugeländes, was dazu führte, das Kirchengebäude höher als vom Architekten geplant zu errichten. Die Folge war, daß mehrere Eisenträger, die die Empore tragen sollten, genau in den Fensteröffnungen des Südgiebels zu liegen gekommen wären. Wie dieses Problem unter Zeitdruck lösen? Nun, kurzerhand sind die vorgefertigten hölzernen Stützpfeiler der Empore - noch heute sichtbar - auf Betonsockel gesetzt worden! Eine Lösung, die sogar Bartning anlässlich einer späteren Besichtigung gefiel und die das Gebäude somit 50 cm höher als im Plan vorgesehen machte. Letztlich machte diese Improvisation auch Bartnings Plan alle Ehre. Denn niemals hatte er sich „seine" Notkirchen als uniforme Kirchen vorgestellt. Und tatsächlich gleicht keine exakt der anderen! Die zweite Panne: Wahres Missgeschick ereignete sich (wie immer!) noch unmittelbar vor den Einweihungsfeierlichkeiten! Der erwähnte Steinholzfußboden wollte wegen andauernd kühler Witterung nur langsam trocknen. Das bedachten Mitglieder des Singkreises nicht, die am Freitag vor der Eröffnung ihre Generalprobe zu halten hatten. Die an den Schuhen „klebende" Asche vom Vorplatz wurde in die Kirche hinein getragen und hinterließ böse Spuren im nicht ausgehärteten Fußboden. Fast wäre die Einweihung geplatzt! Der erste Notbehelf -das Ausstreuen mit Sägemehl - sah, so Jung, „scheußlich" aus. Die Lösung wurde schließlich mit der Auslegung des Bodens mit Tannengrün (!) gefunden. So erinnerte die Kirche bei der Einweihung zugleich an unsere Weihnachtsbräuche, duftete sie doch intensiv nach heimischem Nadelholz. 50 Jahre haben unsere Kirche - vom nachträglich errichteten Turm einmal abgesehen - nicht verändert. Einzig die alte Sakristei, sie hatte hinter dem Chorraum gelegen, gab man auf. Nachdem die Eingangstür vermauert worden war (was bei genauem Hinsehen noch heute erkennbar ist), ist der Raum nur noch von außen zugänglich und wird als Lager genutzt. Seitdem befindet sich die Sakristei - wie schon angemerkt - im Eingangstrakt der Kirche.

EINWEIHUNG

„Der Herr macht im Meer Weg und in starken Wassern Bahn" (Tageslosung zur Einweihung der Paul-Gerhardt-Kirche nach Jesaja 43, 16)

Am 12. März 1950 war es nach 16monatiger Bauzeit soweit: Endlich konnte die feierliche Einweihung der neuen Kirche begangen werden. Es lag nahe, eine Kirche, die den Namen des berühmten brandenburgischen Pfarrers und Liederdichters trägt, zu dessen Geburtstag - es war der 343. - einzuweihen. Zugleich war es der Tag, an dem - genau fünf Jahre zuvor - alliierte Bomberkommandos einen großen Teil unseres Stadtbezirks in Schutt und Asche gelegt hatten. Die Einweihung unserer schlichten Kirche war aber auch noch aus einem weiteren Anlass Stadtgespräch: Seit 1939 war in Dortmund keine Kirche mehr entstanden. Entsprechend fielen Beachtung und Würdigung dieses Ereignisses aus. Groß war der Andrang in und vor der Kirche. Heute erstaunlich, damals nicht verwunderlich, daß die (angeblich) 600 (!) Sitzplätze der Kirche nicht reichten. Schon am zeitigen Morgen zwischen 8 und 9 Uhr war durch Posaunenblasen unter Beteiligung der Nachbargemeinden in den Straßen auf das große Ereignis aufmerksam gemacht worden. Noch im Schatten gegenseitig zugefügten Unrechts und gottloser Unmenschlichkeit, doch zugleich im Zeichen neu begründeter Brüderlichkeit standen die Worte der Feststunde. Nach den Weiheworten des Oberkichenrats über Psalm 127.1: „Wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen", richtete im Auftrag der Spenderkirche Pastor Dietrich aus Philadelphia/USA Grußworte an die Gemeinde. Er erinnerte an die überall noch sichtbaren Trümmer deutscher Städte, als ein Zeichen des noch lastenden Gewissens - auch auf Seiten der Sieger. Das neue Gotteshaus dagegen sollte Zeichen der Liebe, einer neuen Welt der Brüderlichkeit und Ausdruck der Versöhnung sein. Daran knüpfte Pastor Jungs Predigt im Anschluss an die durch Superintendent Heuner gehaltene Eingangsliturgie an. Auf der Grundlage der Tageslosung erklärte Jung das neue Gotteshaus zu einem Ort, „an dem die zerstreute und zerschlagene Herde, verirrt durch unsere Schuld und Not" vor den seligmachenden „Erzhirten Christus treten" und Vergebung finden könne: "Fürchte dich nicht, glaube nur." Was lag da näher, als - unterstützt vom „Singkreis" unter Leitung von Karl Bahrenberg - mit Paul Gerhardt anzustimmen: „Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm; der Herr allein ist König, ich eine welke Blum"!?

Fast 60 Jahre und dann?

In sechzig Jahren ist viel geschehen. Aus räumlich bescheidenen Anfängen ist nach und nach ein Gemeindezentrum entstanden, das den Aufgaben einer wachsenden Gemeinde entsprechen konnte ... und das heute längst zu groß ist! Unsere gegenwärtige Situation ist anders als damals und doch ist sie der gestrigen ähnlich. Die materielle Not ist längst gewichen. Unsere Gemeinde lebt - anders als vor fünfzig Jahren, aber auch anders als manche Gemeinde heute - etwa in der nahen Dortmunder Nordstadt - im Wohlstand. Doch zugleich gibt es Armut - eine andere als in jenen Tagen zwar - aber sie greift um sich. Die Paul-Gerhardt-Gemeinde schrumpft wie die meisten anderen evangelischen Kirchengemeinden. Der Wunsch nach Nähe zu Gott und nach regelmäßiger Einkehr in sein Haus, wie er nach Kriegsende in vielen Menschen brannte, ist praller Sättigung, müdem Überdruss, Gleichgültigkeit oder bohrendem Zweifel gewichen. Die Zahl derer, die zu Christus und seiner Kirche sich bekennen, wird kleiner und veranlasst die Verantwortlichen, nach neuen Strukturen zu suchen, die schmerzhafte Veränderungen bewirken müssen. Ein übriges tut die Überalterung gerade unseres Stadtbezirkes. Es sterben mehr Menschen als geboren werden. Nachziehende Paare oder „Singles" stehen Gemeinde oft fern. Ein Grundübel unserer Zeit. Die Glaubensarmut macht auch unserer Gemeinde zu schaffen. Doch statt zu klagen und im Selbstbedauern zu erstarren, sollten wir besser hoffen und unverzagt für eine Zukunft des Glaubens an Christus und seine Kirche eintreten. Ideen, Tatkraft, Gottvertrauen sind gefragt. Womit wir wieder ganz in der geistigen und geistlichen Nähe unserer „Gründergeneration" wären.

Frank Thieme, Presbyter

Dank gilt Herrn Günther Lotzkat für zahlreiche Hinweise.

Kontakt

Öffnungszeiten des Gemeindebüros:

dienstags:
10.00-12.00 Uhr
und 16.00-18.00 Uhr (Präsenzdienst)

mittwochs und freitags:
09.00-12.30 Uhr

Markgrafenstr. 123
44139 Dortmund (im "Alten Pfarrhaus", direkt neben der Paul-Gerhardt-Kirche)

Telefon: 0231 12 62 71
(außerhalb der Bürozeiten läuft ein Anrufbeantworter)

E-Mail: buero@pg-dortmund.de

Telefax: 0231 12 36 58